| Großer Zapfenstreich

22. Juni 00:30 Uhr | Fabri´s Wiese

Der Große Zapfenstreich ist eine feierliche, am Abend abgehaltene Militärzeremonie mit Streitkräften und Militärmusik. In Deutschland ist sie das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr.

In seinem Ablauf stellt er eine Kunstform des ursprünglichen militärischen Zapfenstreichs dar und wird heute insbesondere zur Ehrung von Persönlichkeiten, vereinzelt bei öffentlichen Gelöbnissen, bei Jubiläen sowie zum Abschluss großer Manöver abgehalten. Die Gesamtdauer beträgt etwa 20 Minuten.

Besondere öffentliche Aufmerksamkeit erhalten die Großen Zapfenstreiche zur Verabschiedung aus dem Amt geschiedener Bundespräsidenten, Bundeskanzler und Bundesverteidigungsminister. Tatsächlich werden Große Zapfenstreiche häufiger durchgeführt, als von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Jedes Heeresmusikkorps hat etwa ein bis zwei Große Zapfenstreiche pro Jahr zu absolvieren.

| Elemente des Großen Zapfenstreichs
Der große Zapfenstreich besteht aus folgenden Bestandteilen
  • Der Aufmarsch des Großen Zapfenstreiches mit dem Yorckschen Marsch und der Meldung an die zu ehrende Persönlichkeit bzw. den protokollarisch höchstrangigen Anwesenden durch den Leitenden.
  • Nach dem Kommando „Serenade!“ die Serenade, eine Aufführung von bis zu vier Musikstücken, die die zu ehrende Person auswählen darf. Wird der Große Zapfenstreich nicht zu Ehren einer Einzelperson, sondern anlässlich eines besonderen Ereignisses aufgeführt, werden die Stücke der Serenade vom Leiter des Musikkorps bestimmt und sollen von ihrem Titel bzw. ihrer Bedeutung her dem jeweiligen Ereignis angemessen sein.
  • Nach dem Kommando „Großer Zapfenstreich stillgestanden! Großer Zapfenstreich!“ folgt der eigentliche Große Zapfenstreich, der sich aus folgenden Bestandteilen zusammensetzt:
  • Locken zum Großen Zapfenstreich durch den Spielmannszug; dies erinnert an die Trommelsignale, die den bevorstehenden Zapfenstreich im Feldlager ankündigten
  • Preußischer Zapfenstreichmarsch als Traditionselement der Fußtruppen
  • Retraite mit drei Posten (Fanfarenrufe) als Traditionselement der berittenen Truppen; die drei Posten unterscheiden sich durch eine zunehmende Getragenheit und Melancholie im Vortrag und rufen symbolisch nacheinander die Versprengten und die Verwundeten nach der Schlacht zurück, die dritte und letzte Post ist ein musikalischer Gruß an die Toten, die nicht mehr zurückkehren
  • Ruf zum Gebet durch den Spielmannszug
  • Nach dem Kommando „Helm ab zum Gebet!“ das musikalische Gebet, die von Dmitri Bortnjanski komponierte Choralstrophe, die später mit dem Text „Ich bete an die Macht der Liebe“ von Gerhard Tersteegen unterlegt wurde. Die beteiligten Soldaten halten dazu den Helm mit der linken Hand vor die Brust; anwesende Soldaten in Uniform nehmen formlos ihre Kopfbedeckung ab.
  • Das Kommando „Helm auf!“, Abschlagen nach dem Gebet und Ruf nach dem Gebet.
  • Nach dem Kommando „Achtung, präsentiert!“ (bzw. Wachbataillon: „Das Gewehr über! Achtung, präsentiert das Gewehr!“) die deutsche Nationalhymne,
  • Abmeldung des Großen Zapfenstreiches und Ausmarsch der Formation zu den Klängen des Preußischen Zapfenstreichmarsches.

Das Locken zum Großen Zapfenstreich, das Zeichen zum Gebet und das Abschlagen nach dem Gebet werden als musikalische Kommandos nur von den Spielleuten (Spielmannstrommel und -pfeife) unter Leitung des Tambourmajors ausgeführt, die übrigen Musikstücke vom gesamten Musikkorps. Der Ruf nach dem Gebet knüpft musikalisch an die Retraite an und umrahmt so den Gebetsteil. Auf- und Abmarsch sowie die Meldungen sind mit weiteren Kommandos verbunden

Großer Zapfenstreich vor dem Reichstag.

| Geschichte des Großen Zapfenstreichs
Zapfenstreich der Zeitpunkt ab dem der Soldat im Quartier bleiben muss

Wenn die Landsknechte zur festgesetzten Abendstunde in das Lager zurückkehren sollten, ging ein Offizier, begleitet von einem Pfeifer oder Trommler, durch die Gaststuben und schlug mit seinem Stock auf den Zapfen des Fasses. Danach durfte der Wirt keine Getränke mehr ausgeben und die Soldaten mussten in die Zelte. Diesen musikalischen Befehl nannten die Landsknechte „Zapfenstreich“. Wer sich ihm widersetzte, wurde hart bestraft. Der Begriff des Zapfenstreiches wurde erstmals 1596 erwähnt. Der sächsische Obristleutnant Johann Friedrich von Flemming beschrieb 1726 diesen militärischen Brauch erstmals ausführlich in seinem Buch „Der vollkommene teutsche Soldat“.

Der Große Zapfenstreich in seiner heutigen Form entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. ordnete während der Befreiungskriege 1813 die Ausweitung des Zapfenstreiches um das Präsentieren des Gewehrs, ein stilles Gebet und das Blasen eines Militärliedes an. Er folgte damit dem Beispiel Russlands, Österreichs und Schwedens. Nicht überliefert ist, welches Musikstück ursprünglich als Gebet gespielt wurde; schon bald setzte sich allerdings der noch heute verwendete Choral Ich bete an die Macht der Liebe durch.

Die seit der Ausweitung mehrfach veränderte Form des Großen Zapfenstreiches mit musikalischem Gebet und Militärmusik stellte der damalige Musikdirektor des Musikkorps des preußischen Gardekorps Wilhelm Wieprecht zusammen. Seine erste Aufführung fand am 12. Mai 1838 in Berlin zu Ehren des russischen Zaren Nikolaus I. statt. Nach der Gründung des deutschen Kaiserreiches 1871 wurde – bei Anwesenheit des Monarchen – vor dem Gebet die Kaiserhymne Heil dir im Siegerkranz intoniert. Seit 1922 erfolgte zum Abschluss der Zeremonie das Abspielen der Nationalhymne, des Deutschlandliedes. Inzwischen wird bei Anwesenheit hoher ausländischer Gäste oder Truppenteile auch deren Nationalhymne gespielt.

1938 komponierte der Musikinspizient der Deutschen Polizei Wilhelm Schierhorn den sogenannten Großen Zapfenstreich der Deutschen Polizei, der 1939 veröffentlicht und 1940 in den Großen Abendruf der Deutschen Polizei umbenannt wurde. Unter dem letzten Titel ging die Komposition in die Geschichte der deutschen Polizeimusik ein. Dieses Zeremoniell diente vor allem dem neuen ideologischen Charakter des Polizeidienstes im Dritten Reich und sollte die Eigenständigkeit der Polizei im Verhältnis zur Wehrmacht auch in musikalischer Hinsicht untermauern. Das gesamte Werk wurde im Gegensatz zur Wieprechts Zeremonie von Schierhorn allein konzipiert und ausgearbeitet. Die Aufführung war nur für die Musikkorps der Polizei und der Allgemeinen-SS vorgesehen.[1]

Auch die DDR führte 1962 den Großen Zapfenstreich wieder ein. 1981 wurde er um „Elemente des progressiven militärischen Erbes“ ergänzt, beispielsweise um das Lied Für den Frieden der Welt des sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch (siehe Großer Zapfenstreich der Nationalen Volksarmee).

Der Große Zapfenstreich gilt als höchste Auszeichnung, die die Bundeswehr einer Zivilperson zuteilwerden lassen kann. Grundsätzlichen Anspruch auf eine Verabschiedung durch einen Großen Zapfenstreich haben der Bundespräsident, der Bundeskanzler und der Bundesminister der Verteidigung; allen Militärs im Range eines Generals oder Generalleutnants (bzw. Admirals oder Vizeadmirals) steht ebenfalls ein Zapfenstreich bei ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst zu.