Liebe Schützenschwestern und Schützenbrüder,

vor einiger Zeit bin ich mit dem Rad von der Neißequelle aus an Neiße und Oder entlang zur Ostsee gefahren, erst durch Tschechien und dann immer entlang an der deutsch-polnischen Grenze. Manchmal bin ich tagelang keinem Menschen begegnet, die Dörfer haben einen verlassenen Eindruck gemacht. Überall waren die Narben des letzten Krieges noch sichtbar, mit den Trümmerbrachen und öden Flächen in den kleineren Städten, mit den Soldatenfriedhöfen auf dem Land. Und was zu DDR-Zeiten erbaut worden war, lag auch schon wieder in Trümmern, unbewohnte Plattenbausiedlungen, halb verfallene Fabriken. Aber am meisten hat mich der Anblick der alten märkischen Feldsteinkirchen getroffen: wie viele Generationen haben dort gebetet? Nun stehen die meisten von ihnen leer, der letzte Choral ist längst verklungen und die Glocken schweigen für immer.

„Wie gottverlassen ist es hier!“, so habe ich oft gedacht.
Und vielleicht denkt Ihr das manchmal genauso: wie gottverlassen ist
unsere Welt? Wenn Ihr die Tageszeitung aufschlagt und einen Blick auf
das Weltgeschehen werft? Wenn Ihr an die Zukunft unseres Landes denkt?
Wenn Ihr miterlebt, wie unsere Gemeinden kleiner werden, die Kirche in
Eurem Dorf oder Eurer Stadt demnächst vielleicht auch entwidmet und
geschlossen wird?
Aber ist unsere Welt, sind wir wirklich von Gott verlassen? Zu Anfang des
Johannesevangeliums lesen wir: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter
uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des
eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und voller Wahrheit.“
(Johannes 1, 14).

Diese Welt ist nicht von Gott verlassen, so sagt der Evangelist Johannes das, so sagt es die Weihnachtsbotschaft: Gott überlässt die Welt nicht sich selbst, er überlässt sie nicht menschlicher Schuld und Bosheit, Gott überlässt uns Menschen nicht unserer Gottvergessenheit – sondern er
kommt, geht in diese Welt ein, bekennt sich damit zu seiner Schöpfung, zu uns. Gott ist in der Welt, Mensch geworden, Gott für uns, das ist unser Bekenntnis am Weihnachtsfest. Diese Welt ist eben nicht von Gott verlassen; und wir sind eben auch nicht von Gott verlassen, – obwohl wir uns oft nicht so recht auf ihn verlassen wollen! Mit der Geburt Jesu Christi ist Gott in der Welt, liegt sein Wille am Tage: dass kein Mensch seiner Liebe verloren gehe. Was wir zu Weihnachten feiern dürfen, ist Gottes Treue zu uns: die unserem Engagement für unseren Glauben und für
unsere Werte einen unverbrüchlichen Sinn gibt! Bleibt Ihr mit Eurem Dienst in Euren Bruderschaften und Gemeinden, in Euren Dörfern und Städten Gott treu! So wie seine Treue zu uns niemals aufhört!

Johannes Böhnke, Pfarrer und evangelischer Bundespräses

 

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